Ein Grinch zum Verlieben | 6. Akt

Das Blut rauscht mir in den Ohren, als ich Colin die Stufen nach oben folge. Was zur Hölle ist hier eben passiert? Wir haben uns geküsst. Aber das war nicht nur ein „Oh, ein Mistelzweig!“-Kuss. Das war mehr, oder?
Schmetterlinge wirbeln in meinem Bauch umher, wenn ich daran denke, wie Colin meinen Namen gesagt hat. Der raue Ton seiner Stimme. Das Verlangen, das in jeder einzelnen Silbe mitschwang.
Oh, Mist! Das ist nicht gut. Das ist ganz und gar nicht gut. Colin und ich sind Freunde. Mehr nicht. Meine letzte Beziehung ging, etwa ein Jahr nachdem wir uns kennengelernt hatten, in die Brüche. Seitdem gab es niemanden mehr. Wenn Colin mehr gewollt hätte, dann hätte er mehr als genug Chancen gehabt, mir das zu zeigen. Oder nicht?
Warum jetzt? Wegen Weihnachten? Oder hatte er nur Interesse an ein wenig Spaß? Innerlich schüttele ich den Kopf. Nein! So ist Colin nicht. In den letzten zwei Jahren habe ich nicht einmal erlebt, dass Colin Frauen nur zum Spaß ausführte oder küsste. Und es gab durchaus ein paar Kandidatinnen. Er hat ein Privatleben, ganz im Gegensatz zu mir. Ich weiß nicht einmal, warum ich mich seit dem Aus mit Martin so zurückgezogen habe. Vermutlich hatte ich einfach die Schnauze voll von der Liebe. Sie gehört eben nicht in mein Leben. Hat sie nie. Ich sollte das akzeptieren. Aber wenn Colin solche Sachen macht, will mein verräterisches Herz die Hoffnung einfach nicht aufgeben. Auch wenn es alles zerstören würde, was zwischen Colin und mir existiert. So wie die Liebe immer alles zerstört in meinem Leben.
Frustriert schließe ich kurz die Augen. Nur, um im nächsten Moment gegen Colin zu Laufen und meine Nase an ihm platt zu drücken. Er ist am Ende der Treppe stehen geblieben. Mit einem amüsierten Grinsen schaut er zu mir herunter.
„Augen auf im Straßenverkehr, Ava!“
Ich verziehe das Gesicht zu einer Grimasse. Meiner Stimme traue ich noch nicht über den Weg. Allein bei der Erinnerung an den Kuss von eben spüre ich die Röte meinen Hals hinaufkriechen.
„Ava! Ach, wie schön das du mitgekommen bist. Ich bin Lilly.“ Colins Mutter drängt sich an ihrem Sohn vorbei und schließt mich in die Arme. Ich versteife mich automatisch. Nicht nur, dass es mehr als seltsam für mich ist von einer quasi fremden Frau umarmt zu werden. Es herrscht auch immer noch eine Pandemie. Selbst wenn die Regeln für die Feiertage etwas gelockert wurden, besteht ein Abstandsgebot gegenüber Freunden und Familie. Erst recht gegenüber Fremden. Aber Lilly stört sich nicht daran. Sie schiebt mich eine Armlänge von sich und strahlt mich mit solch einer Wärme in den Augen an, dass ich regelrecht ein schlechtes Gewissen bekomme, das ich eben so kühl reagiert habe.
„So eine Hübsche! Colin hätte dich schon viel eher mitbringen sollen.“
Ich öffne den Mund, um ihr zu erklären, dass wir nur Freunde sind, doch Lilly redet einfach weiter.
„Jetzt aber rein mit euch. Die Zimtwaffeln sind eben fertig geworden.“ Ohne Umschweife zieht sie mich an Colin vorbei in die Wohnung. Hilfesuchend schaue ich mich zu ihm um, doch der zuckt nur unschuldig mit den Schultern und grinst.
Was hat das zu bedeuten? Hat er seinen Eltern etwa erzählt wir wären ein Paar? Warum?
Mit Betreten des Flurs umfängt mich sofort der Duft von Zimt und geschmolzener Butter. Mir läuft direkt das Wasser im Munde zusammen. Mag sein, dass ich Weihnachten nicht leiden kann. Aber die Backwaren in der Zeit sind nicht zu verachten. Nach dem ich den Mantel inklusive Schal und Mütze an der überfüllten Garderobe angehangen habe, folge ich Lilly zwei Schritte den Flur entlang, bis ich beschließe, auf Colin zu warten. Ich muss wissen, was hier vor sich geht. Hat Colin seine Eltern wirklich angelogen? Ich kann es mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Ein Grund mehr ihn direkt zu fragen.
Am Flurende dringt Licht durch die geöffnete Tür, in der Lilly verschwunden ist. Jingle Bells klingt als Akustikversion leise bis zu mir. Hinter mir fällt die Wohnungstür ins Schloss. Ich drehe mich zu Colin um, aber sein Gesicht liegt im Schatten, da kein Licht angeschaltet ist. Er hängt seinen Parka über meinen Mantel, dann tritt er ganz dicht an mich heran, sodass ich den Kopf in den Nacken legen muss, um ihn anzusehen.
„Hast du deiner Mutter etwa erzählt wir sind ein Paar?“, werfe ich ihm meine drängendste Frage flüsternd an den Kopf. Jetzt, wo er direkt vor mir steht, kann ich das schiefe Grinsen sehen, das auf seinen Lippen liegt.
„Mitnichten, mein kleiner Grinch. Aber du weißt, wie Eltern sind.“
Automatisch will ich den Kopf schütteln. Ich weiß definitiv nicht, wie Eltern sind. Zumindest keine normalen Eltern. In letzter Sekunde kann ich den Impuls unterdrücken.
„Kaum fragt man, ob man eine Frau mit nach Hause bringen darf, steht fest, dass es sich dabei um DIE eine handelt.“ Er zwinkert mir zu und grinst breit.
„Na, toll!“ Frustriert stoße ich die Luft aus. „Und jetzt? Wir sollten sie aufklären.“ Auch wenn mir bei dem Gedanken daran etwas mulmig zumute ist. Was, wenn sie mich dann nicht mehr so toll finden? Obwohl ich mir das schwer vorstellen kann. Immerhin sind sie Colins Eltern. Und wenn er nur im Ansatz nach ihnen kommt, dann müssen Lilly und ihr Mann die herzlichsten Menschen auf der ganzen Welt sein. Großartig! Jetzt fühle ich mich nicht mehr mies, weil sie mich nach der Wahrheit nicht mehr mögen könnten, sondern weil wir sie damit auch irgendwie verletzten. Lilly sah so fröhlich aus vorhin. Als wäre mit meinem Erscheinen endlich ein großer Wunsch in Erfüllung gegangen.
Verzweifelt presse ich mir Daumen und Zeigefinger auf den Nasenrücken.
„Wir sagen es ihnen nicht“, gebe ich nach, auch wenn Colin kein einziges Wort gesagt hat.
„Wieso nicht?“ Seine Augenbrauen erreichen fast seinen Haaransatz, so erstaunt sieht er zu mir herunter.
Ich zucke unschlüssig mit den Schultern. „Es ist Weihnachten und ich will sie irgendwie nicht enttäuschen. Deine Mutter sah vorhin so fröhlich aus. Meinst du nicht, wir verderben ihr damit die Stimmung?“
Colin richtet den Blick in Richtung der geöffneten Tür hinter mir. Er wirkt nachdenklich. „Kann schon sein“, stimmt er schließlich zu. „Aber wir müssen das nicht tun, Ava. Nicht, wenn …“ Fragend senkt er den Blick erneut auf mich herab. In seinen Augen tummeln sich die unterschiedlichsten Gefühle. Allem voran, Unsicherheit.
„Küssen hat doch schon super geklappt. Da bekommen wir den Rest auch noch hin. Nicht wahr?“ Kumpelhaft klopfe ich Colin gegen die Schulter, kichere nervös und fühle mich augenblicklich wie ein blöder Teenager. Was mache ich hier? Warum sorge ich freiwillig dafür, die Situation noch verfahrener zu gestalten, als sie ohnehin schon ist?
Das muss an Weihnachten liegen. Eindeutig. Und natürlich an all den blöden Hormonen, die seitdem Kuss mit Colin meinen Körper bevölkern. Eine wahre Hormon-Invasion. Wenn man bedenkt, was ich im Begriff bin zutun.
„Ava“, setzt Colin an, doch ich schüttele den Kopf.
„Wir werden deiner Mutter sicher nicht Weihnachten verderben. Ich bin das erste Mal Weihnachten eingeladen und werde sicher nicht gleich alles in den ersten zehn Minuten meiner Anwesenheit ruinieren“, zische ich leise, aber bestimmt.
Colin presst die Lippen fest aufeinander. Wirklich überzeugt wirkt er nicht, was mir ungeahnt einen Stich versetzt. Vielleicht habe ich in den Kuss doch zu viel hineininterpretiert. Aber ich werde jetzt keinen Rückzieher machen. Das zweite Mal an einem Tag nehme ich mir vor, mich den Dingen entgegenzustellen.
„Na gut“, stimmt Colin leise zu. „Aber dann sollten wir auch überzeugend rüberkommen“, flüstert er so leise, dass ich ihn kaum verstehe. Sein Blick zuckt kurz zu der Tür hinter mir, bevor er mich zu sich heranzieht und küsst.
Ein überraschtes Keuchen entweicht mir, was zu einem gequälten Stöhnen übergeht, als jemand das Licht im Flur einschaltet. Grelles Licht sticht in meinen Augen.
„Warum steht ihr im Dunkeln?“, höre ich Lilly. „Na los, ihr Turteltauben. Die Waffeln werden kalt.“
Colin grinst mich an. In seinen Augen liegt ein unbekanntes Funkeln. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, er genießt das hier gerade.

ENDE TEIL 6

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