Ein Grinch zum Verlieben | 2. Akt

Draußen zieht sich Colin seine Superhelden-Stoffmaske von der Nase. Seine Augen funkeln freudig. „Ich würde sagen, wir besorgen noch ein paar Geschenke, bevor die Läden schließen.“ Belustigt schüttele ich den Kopf über seine Begeisterung. Er reibt sich die Hände, als könne er es gar nicht erwarten, die Einkaufsläden unsicher zu machen. Dabei ist es doch genau das, was in der aktuellen Zeit vermieden werden soll.
Ich ziehe meine Einwegmaske herunter. „Und zack, sind wir wieder beim sinnlosen Konsum für Weihnachten“, ziehe ich ihn auf und strecke ihm erneut die Zunge heraus. Missmutig lässt er die Hände sinken. „Ach, komm schon. Sei kein Grinch, Ava.“
Ich lache, weil er mich vor wenigen Minuten schon so betitelt hat und jetzt so tut, als wäre ich eben erst zu einem mutiert.
„Okay.“ Ergeben hebe ich die Hände in die Luft. „Gegenvorschlag. Was hältst du davon, wenn wir etwas basteln?“
Verwundert wandern seine Augenbrauen nach oben. „Basteln? Seit wann bastelst du?“
Tatsächlich liebe ich es, kreativ zu sein. Meine kleine 2-Raum-Wohnung würde ich am liebsten jede Woche umräumen und neu dekorieren. Da mir das allerdings zu anstrengend ist, insbesondere wegen der Möbel, die ich allein nur schwer verrückt bekomme, bastele ich. Eine Leidenschaft, die ich Colin gegenüber nie erwähnt habe. Warum? Ich weiß es nicht genau. Immerhin kennen wir uns jetzt schon zwei Jahre. Vermutlich, weil es mir irgendwie peinlich ist, mit Anfang dreißig Freitagabend allein zu Hause zu hocken und Papier zu schnippeln, während alle anderen feiern gehen oder ihr Kind ins Bett bringen. Da ich aber weder Familie habe, noch die totale Partyqueen bin, bleibe ich eben lieber mit Schere und Leimstift auf der Couch.
Ich zucke lässig mit den Schultern. „Es gibt vieles, dass du noch nicht weißt.“
„Sieht ganz so aus.“ Seine dunklen Augen mustern mich, als müssten sie ergründen, woher diese neue Seite an mir kommt. Ob sie schon immer da war oder erst aufgrund der Pandemie aufgetreten ist. Aber diese kreative Ader schlummert schon seit meiner Kindheit in mir. Schließlich hatte ich viel Zeit allein zu verbringen.
„Na dann“, sagt er und grinst mich schief an. „Basteln wir.“
Auf meinen Lippen breitet sich ein Lächeln aus und Wärme flutet meinen Bauch. Pure Freude rauscht durch meinen Körper. Ganz vielleicht, hatte ich mir kurz vorgestellt, er würde mich wegen diesem Vorschlag auslachen. Obwohl ich es besser wissen müsste. Colin würde mich niemals auslachen. Er ist eben der nette Typ von nebenan. Der einem Brötchen vor die Tür stellt, weil er weiß, dass man sonst keine mehr bekommen würde. Der Typ Mann, der alten Damen in die Straßenbahn hilft und dabei ein Superhelden-Shirt trägt. Colin ist zuvorkommend und hilfsbereit. Kein Macho. Kein Angeber.
Einfach nur ein netter Kerl. Keine Ahnung, warum das bisher keine andere Frau erkannt hat.

Ich nehme den Wasserkocher von der Station und gieße den Tee auf. Sofort duftet es nach Pflaumen und Zimt in meiner winzigen Küche. Genüsslich schließe ich die Augen und inhaliere den Geruch. Ich liebe es. Eines der wenigen Dinge, das mir an Weihnachten gefällt und in meiner Wohnung überhaupt auf das Fest des Jahres hindeutet. Ansonsten wirkt bei mir alles ziemlich trist, was Weihnachtsschmuck anbelangt. Ich bin zwar eine Dekomeisterin, aber Weihnachtsdeko sucht man bei mir vergeblich. Lediglich ein gelber Herrnhuterstern leuchtet im Fenster. Ein Geschenk von Lisa-Marie, Nanny Nr. 4. Eine der Wenigen, die versucht hat, Weihnachten so zu feiern, wie es sich ein Kind wünscht. Mit Plätzchen backen, Liedern singen und Geschenken, wie dieser Stern.
Auch wenn ich Weihnachten nach wie vor nichts abgewinnen kann, bringe ich es nicht übers Herz, ihn zu entsorgen. Stattdessen hänge ich ihn jedes Jahr aufs Neue ans Fenster. Vielleicht symbolisiert er die Hoffnung, die sich tief vergraben, immer noch in mir zu befinden scheint, wie mir Colins Einladung heute bewiesen hat.
Ich seufze bei dem Gedanken daran und öffne die Augen. Die Zufriedenheit, die mir der Teeduft einen Moment lang geschenkt hat, ist verflogen. Auch wenn ich mich über die Einladung freue, bereitet sie mir doch Bauchschmerzen. Schnell werfe ich die Beutel in den Müll und trage die Tassen ins Wohnzimmer, um nicht weiter darüber nachzudenken.
Colin hat es sich auf der Couch gemütlich gemacht und blättert durch eines meiner Bücher, die hier überall herumliegen. Hauptsächlich Werke, deren Einbände darauf schließen lassen, dass sie bereits einiges erlebt haben. Als Historikerin kann man nie genug „Altes Zeug“ lesen. Ich weiß noch, dass ich bei der Wahl meines Berufes dachte: „Wenn ich schon keine Familie habe, die ich lieben kann, dann will ich wenigstens meinen Job lieben.“ Und das tue ich. Ich liebe es alte Briefe, Graphiken und Bücher zu sichten. Ich liebe es, den Auktionen beizuwohnen, wenn diese Schätze neue Besitzer finden. Genau dort habe ich Colin vor zwei Jahren kennengelernt.
Ein warmes Gefühl flutet meinen Bauch, wenn ich daran zurückdenke. Er war einer meiner Kunden und wollte die uralte Brockhaus Enzyklopädie seines Ur-Großvaters versteigern lassen. Das schiefe Grinsen und seine entspannte Ausstrahlung hatten mich sofort für ihn eingenommen. Ich schiebe das Kribbeln, was mich mit einmal erfasst, auf die Aufregung bezüglich der bevorstehenden Feier und halte Colin die dampfende Tasse vor die Nase.
Er schaut auf und für einen Moment begegnen sich unsere Blicke. Ich kann den Ausdruck in seinen Augen nicht ganz deuten. Er lächelt mich an. Aber es ist nicht sein typisches schiefes Grinsen, sondern wirkt irgendwie anders. Ich kann es nicht genau beschreiben, aber es sorgt dafür das meine Knie weich werden und mein Herz gegen meine Brust hämmert, als wollte es herausspringen. Hastig drücke ich Colin die Tasse in die ausgestreckte Hand. Zu hastig. Der Tee schwappt über und Colin zieht zischend die Luft ein.
„Autsch!“ Schnell stellt er den Becher auf dem Stubentisch ab und reibt sich über den Handrücken, der deutlich gerötet ist.
„Oh Gott, Colin! Das tut mir so leid!“, entschuldige ich mich sofort. Vergessen sind die weichen Knie. Ich eile in die Küche zurück. Halte ein Küchentuch unter kühles Wasser, um Colins Verbrennung zu lindern.
„Danke“, murmelt er wenig später, während ich das Tuch auf seine Hand drücke. „Ich denke, ich werde es überleben.“
„Sicher?“ Ich muss grinsen.
„Na ja, so endgültig kann ich es noch nicht sagen. Aber die Chancen stehen ganz gut.“ Er grinst zurück.
Innerlich atme ich auf. Alles ist wie immer. Wir scherzen und reden normal miteinander. Wahrscheinlich habe ich mir diesen Blick nur eingebildet. Zwischen uns ist nichts. Diese Weihnachtszeit lässt mich eindeutig durchdrehen. Ich hasse sie.

Die Zunge zwischen den Lippen ziehe ich konzentriert das Papiermesser über den roten Bastelkarton mit goldenen Ornamenten. Noch zwei Schnitte, dann bin ich fertig. Als ich mir über die Stirn reibe und den Kopf hebe, sehe ich Colin, der gerade mit Nadel und Faden kämpft. Seine Augenbrauen sind zusammengezogen und sein Mund ist zu einer schmalen Linie zusammengepresst.
Eine Weile beobachte ich ihn bei dem Versuch, die von mir gefalteten Fröbelsterne miteinander zu verbinden. Erneut entwischt ihm der Faden, den er in die Öse der Nadel einfädeln will. Er flucht und ich kann nicht anders als schadenfroh zu kichern. Allein sein Gesicht ist ein Bild für die Götter. Als ob dieser Faden sein persönlicher Staatsfeind Nr. 1 ist.
„Was ist so lustig?“, knurrt er, aber sein Mundwinkel zuckt verräterisch, auch wenn er versucht ernst zu bleiben.
„Ich bewundere nur dein Durchhaltevermögen“, erwidere ich, von einem Ohr zum anderen, grinsend. Ich wollte ihn zwar aufziehen, aber ich meine es ernst. Welcher Typ Mann setzt sich heutzutage schon hin und bastelt zusammen mit seiner besten Freundin Weihnachtsgeschenke?
Wenn man social media Glauben schenkt, dann sind die meisten Männer in seinem Alter entweder total auf ihr Familienglück fokussiert oder lichteten ihren Waschbrettbauch täglich aus einem anderen Winkel ab. Beide Varianten frustrieren Single-Frauen, wie mich, wahnsinnig.
„Schon klar.“ Er schaut zu mir und eine Strähne seiner dunkelblonden Haare fällt ihm in die Stirn. Er trägt es länger, als üblich. Wegen der Pandemie ist er seit einer Weile nicht mehr beim Friseur gewesen. Aber ich muss gestehen, dass es mir gefällt. Bei ihm sieht der „Gerade aus dem Bett aufgestanden“-Look auch mehr nach gewollt aus, als das man vermuten könnte, dass ihn die Umstände dazu zwingen.
„Die Sterne sind wirklich schön.“ Er dreht einen Stern in seinen Fingern, sodass sich das Kerzenlicht in den goldenen Ornamenten bricht.
Bevor wir mit Basteln anfingen, hat Colin darauf bestanden „Atmosphäre zu schaffen“, wie er meinte. „Das gehört zu Weihnachten dazu. Ohne die richtige Stimmung kann ich nicht basteln.“ Sein Gesicht wirkte dabei todernst, sodass ich widerstandslos genickt hatte. Ich wollte ihn schließlich nicht schon vergraulen, bevor wir überhaupt angefangen hatten. Ich musste Kerzen ranschaffen und die einzige Lichterkette rauskramen, die ich besaß. Mit wenigen Handgriffen zauberte Colin aus meiner Stube ein Weihnachtszimmer, sodass sogar mir vor Überraschung der Mund offenstand. Das Licht der unzähligen Teelichter verwandelte mein Wohnzimmer in ein warmes Lichtermeer. Anschließend hatte er an meiner Anlage noch den passenden Radiosender eingeschaltet und seitdem liefen ununterbrochen Lieder, wie „Kling Glöckchen“ oder „Stille Nacht“ im Hintergrund. Seltsamerweise stört es mich aber nicht. Im Gegenteil. Colins zufriedener Ausdruck hat mich dazu gebracht, mit dieser Veränderung Wohlwollen zu verbinden. Eine ganz neue Erfahrung, die mich innerlich immer noch staunen lässt.
„Danke“, murmele ich auf sein Kompliment hin.
Er schüttelt den Kopf, als könne er es nicht glauben, dass ich diesen Stern gefaltet habe. „Ich finde es toll, dass du so etwas kannst, Ava. Ehrlich!“ Er lächelt mich begeistert an und Hitze kriecht mir in die Wangen. Ich weiß nicht warum, aber sein Lob bedeutet mir wirklich viel.
Er steht auf und kommt auf mich zu. Mein Herz beginnt zu klopfen und ich reiße überrascht die Augen auf. Was hat er denn jetzt vor?

ENDE TEIL 2

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