Ein Grinch zum Verlieben | 4. Akt

„Guten Morgen, Sonnenschein!“, begrüßt Colin mich, als ich das Wohnzimmer betrete. Sein Blick gleitet an mir herunter und wieder hinauf. Ein freches Grinsen breitet sich auf seinen Lippen aus. „Wenn ich gewusst hätte, dass du am frühen Morgen SO aussiehst, wäre ich schon eher zum Frühstück vorbeigekommen.“
Mein Kopf ruckt panisch nach unten. Peinlich berührt schließe ich für einen Moment die Augen. Bei der Hektik, in die ich wegen Colins Besuch verfallen bin, habe ich nicht darauf geachtet, WAS ich anziehe. Jetzt stehe ich hier und trage meinen grün gepunkteten Pullover von gestern, zu einer grauen Jogginghose auf der pinke Einhörner von Regenbogen zu Regenbogen hüpfen und Glitzersterne pupsen.
Das belustigte Funkeln in seinen Augen erwidere ich mit einem bösen Blick.
„Es musste schnell gehen“, versuche ich, mein Outfit zu rechtfertigen.
„Ich finde es süß“, meint Colin und zuckt mit den Schultern, als wäre es das normalste der Welt, solche Kleidung zu besitzen. „Außerdem ist das gar nichts zu meiner Superhelden-Unterhosen-Sammlung.“
Kurz starre ich ihn perplex an, bevor ich laut lospruste. Damit hat Colin mir definitiv den Tag gerettet. Ich setze mich immer noch lachend zu ihm an den Tisch.
„Dein Ernst?“, hake ich nach. Er nickt aufrichtig und ich schüttele grinsend den Kopf. „Die musst du mir bei Gelegenheit unbedingt zeigen.“ Noch während die Worte meinen Mund verlassen wird mir bewusst, was ich da gerade gesagt habe. Ich spüre, wie ich hochrot anlaufe. „A-also ich meine das natürlich nur Interesse halber. Nicht das du denkst …“, werfe ich hinterher und wedele unwirsch mit der Hand durch die Luft. Zu spät. Colin grinst von einem Ohr zu anderen.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich ausgerechnet damit dein Interesse wecke. Aber du bist jederzeit herzlich eingeladen Superman und Co. zu besichtigen.“ Er zwinkert mir anzüglich zu und ich verdrehe die Augen.
Damit ich meine innere Aufregung auf einen anderen Punkt konzentrieren kann, greife ich nach dem Kaffeebecher. Genießerisch ziehe ich den Duft in meine Nase. „Danke!“, murmele ich, nach dem der erste Schluck Koffein in meiner Blutbahn schwimmt. Selig seufze ich.
„Immer gern!“ Colin lächelt mich an und ich kann nicht anders, als es dankbar zu erwidern.
Er hat uns Schokocroissants mitgebracht. Die Teller stehen zwischen den Fröbelsternen, Papierschnipseln und all den anderen Bastelutensilien. Gestern Abend hatte ich keine Lust mehr dieses Chaos zu beseitigen. In der weisen Voraussicht heute sowieso nichts anderes zu tun zu haben. Hätte ich jedoch gewusst, dass Colin vorbeikommt … Na ja, vermutlich hätte ich trotzdem nicht aufgeräumt. Ich war einfach zu müde gestern, um noch einen Finger zu krümmen.
Genüsslich beiße ich in das Croissant. Der schokoladig-buttrige Geschmack lässt mich erneut aufseufzen.
„Da habe ich wohl eine gute Wahl getroffen, was?“, schmunzelt Colin und streicht sein dunkelblondes Haar nach hinten, dass ihm immer wieder in die Stirn fällt.
Ich brumme zustimmend, da ich den Mund voll habe. Colin ist ein Schatz.
Es piept und er zieht sein Handy aus der Hosentasche. Seine Finger fliegen über den Bildschirm, während ich ihn mustere. Zwischen seinen Augenbrauen hat sich eine konzentrierte Steilfalte gebildet. Es juckt mir in den Fingern sie glatt zu streichen. Aber ich behalte meine Hände bei mir. Die komische Situation von gestern und der Traum der Nacht reichen, um mir zu zeigen, dass ich mich auf ganz gefährliches Terrain begebe. Während mein Kopf mir stetig zuraunt, dass Colin ein guter Freund ist und bleiben sollte, hüpft mein Herz im Kreis und schreit laut: „Schnapp ihn dir, Mädchen! Bevor es eine andere tut.“
Bei diesen widersprüchlichen Gefühlen kann doch kein Mensch klar denken. Vor allem, wenn einen diese dunklen Augen ansehen. Mühsam schlucke ich das Croissant herunter, dass in meinem Hals auf einmal zu einem zähen Klumpen mutiert ist, als ich bemerke, das Colin meinen Blick erwidert. Unverhohlen habe ich ihn die ganze Zeit angestarrt, während ich meinen wirren Gedanken nachhing.
Er mustert mich auf so intensive Art und Weise, dass ich nicht weiß, wohin mit mir. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Ein Kribbeln rauscht durch meinen Körper.
„Ich muss jetzt los“, durchbricht er die Stille, die sich zwischen uns ausgebreitet hat. Er klingt irgendwie traurig. Oder bilde ich mir das nur ein? Dummes Herz! „Aber wir sehen uns heute Abend.“
Meine Augen werden groß. „Heute Abend?“
Ein schiefes Grinsen breitet sich auf seinen Lippen aus. „Natürlich! Oder willst du den Guinness Buch Rekord im Basteln einer Fröbelstern-Girlande allein knacken?“
Ich setze einen gespielt, entsetzen Ausdruck auf. „Ich wusste es! Du hast es nur auf den Ruhm abgesehen.“
„Was denn sonst?“, erwidert er ernst, doch sein breites Grinsen straft ihn Lügen.
Ich bringe ihn noch zur Tür. Einen Moment verharrt er im Türrahmen und ich bekomme das Gefühl, das er gern noch etwas sagen würde. Erneut sieht er mich auf diese Weise an, bei der mir mulmig und heiß zugleich wird. Plötzlich schließt er mich in eine feste Umarmung und drückt mir einen Kuss auf den Scheitel. Sein heißer Atem kitzelt auf meiner Kopfhaut.
„Bis heute Abend“, murmelt er in mein Haar, dann ist er weg. Wie eine Fata Morgana. Meine Beine zittern, genau wie der Rest meines Körpers.
Was war das?
Was passiert hier gerade?
Ich stoße die angehaltene Luft aus und schließe die Wohnungstür. Ich brauche dringend etwas Stärkeres als Kaffee.

Die nächsten Tage kommt Colin jeden Morgen und Abend vorbei. Ich habe keine Ahnung, ob er das nur macht, um mir die Situation zu erleichtern, oder ob mehr dahinter steckt. Seine zufälligen Berührungen und Blicke entgehen mir keineswegs. Mein Herz tanzt jedes Mal einen Boogie-Woogie, während mein Kopf sich innerlich aufregt, wie eine Weihnachtsgans kurz vor der Schlachtung. Eine gackernde Warnung dafür, dass das hier böse enden kann. Wenn ich das mit Colin verbocke, bricht ein wichtiger Teil meines Lebens weg. Der Wichtigste womöglich, wie mir in den letzten Tagen mehr und mehr bewusst geworden ist. Ich will Colin auf keinen Fall verlieren. Seit ich ihn kenne, macht das Leben endlich wieder Spaß. Natürlich habe ich auch andere Freunde. Clara zum Beispiel. Aber ich bin eine Eigenbrötlerin und seitdem Clara Mama geworden ist, kann ich unsere diesjährigen Treffen an einer Hand abzählen. Ich bin ihr nicht böse. Sie hat jetzt Wichtigeres zu tun. Aber mein Leben fühlt sich damit ein Stück leerer an, als mir lieb ist.
In der heutigen Zeit ist alles schrecklich schnelllebig. Keiner nimmt sich mehr die Zeit richtig hinzusehen oder zuzuhören. Das konnte ich mein Leben lang beobachten. Vor allem bei meiner eigenen Familie. Jemanden zu finden, der trotz meiner manchmal abweisenden Art, sich die Mühe macht, mich, Ava, die wahre Ava, kennenzulernen, ist verdammt schwer. Abgesehen von Colin. Er drängte sich in mein Leben und jetzt will ich ihn keine Sekunde mehr missen. Er ist die einzige Konstante, neben meinem Job. Wenn ich mit ihm eine Beziehung eingehen würde, würde diese Konstante wegbrechen. Dessen bin ich mir zu einhundert Prozent sicher. Nicht umsonst hat keine meiner Beziehungen länger als ein Jahr gehalten. Die Männer nannten mich gefühlskalt. Ich würde mich ihnen nicht öffnen. Wie auch, wenn ich immer wieder erleben musste, dass die meisten Liebesbeziehungen auseinanderdriften, sobald die Schmetterlinge aufhören zu flattern. Wenn ich an meine Mutter denke, hatte ich wohl auch nicht das beste Vorbild.
Ich pruste die Luft aus meinen aufgeblähten Backen, während ich die Fernsehsender zum dritten Mal durchschalte. Nichts. Es läuft nur Schrott. Selbst Netflix läuft über vor Weihnachtsfilmen, auf die ich absolut keine Lust habe. Auch wenn ich zugeben muss, dass Dash & Lily wirklich süß war. Aber auch nur wegen der Tagebuch-Idee. Den ganzen Weihnachtskram hätten sie ruhig weglassen können.
Seufzend schalte ich den Fernseher aus. Außer zum Einkaufen und für einen kurzen Spaziergang gehe ich nicht mehr raus. Morgen ist Weihnachten und ich bin mehr als erleichtert, dass mein Alltag, zumindest für kurze Zeit, ein anderer sein wird. Colins Besuche sind gerade meine täglichen Highlights. Selbst das Dekorieren meiner Wohnung schafft keine Genugtuung mehr, wenn man es über eine Woche täglich macht. In meiner Verzweiflung habe ich sogar meinen Chef angerufen und ihn um Arbeit angefleht. Ja, richtig! Angefleht. Einfach, um etwas Abwechslung zu bekommen. In seiner Güte hat er mir Zugang zu unserem Online-Archiv gewährt. Jetzt tippe ich, immer wenn mich Lesen, Basteln oder Kaffee trinken, nicht mehr bei Laune hält, die Liste ab, die er mir netterweise in den Briefkasten geworfen hat. Eine stupide und unglaublich eintönige Arbeit. Aber ich fühle mich nicht völlig nutzlos. Die Notiz, die von ihm an der Liste hing, habe ich direkt entsorgt.
„Genieß die Zeit, Ava! Die Arbeit läuft nicht weg. Frohe Weihnachten!“
Als ob ich die Zeit allein und eingesperrt in der eigenen Wohnung genießen könnte. Ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich sehnsüchtig die Uhr anstarre, in dem wahnwitzigen Wunsch, ich könnte die Zeit vor drehen. Damit schneller Abend wird. Als es endlich klingelt, kann ich ein erleichtertes Stöhnen nicht unterdrücken. Sofort beginnt mein Herz wie verrückt in meiner Brust zu trommeln. Ich wische die schwitzigen Hände an der Jogginghose ab, diesmal ohne Einhörner, und betätige den Türöffner.

ENDE TEIL 4

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