Erik & Isa | Blogroman

4 – Erik

»Lasset die Spiele beginnen«, verkündet Tom mit feierlicher Stimme.
Wir nehmen nebeneinander auf der Couch Platz. Unsere Spieleabende unterliegen immer denselben strengen Regeln:

  1. Aufgeben gilt nicht. Entweder man wird im Spiel gekickt oder es wird solange gezockt, bis der Gewinner feststeht.
  2. Pinkelpause für alle. Das Risiko, das einer die Einstellungen des anderen verändert, während der gerade die Keramikgemächer besucht ist einfach zu hoch. Außerdem trauen Tom und Isa sich keine Millisekunde über den Weg.
  3. Essen und Trinken schafft derjenige ran, der es alle gemacht hat.
  4. Und damit die wichtigste Regel überhaupt: Der Verlierer räumt auf und der Gewinner hatte einen Wunsch frei.

Einen Wunsch frei. Genau das ist es, was ich im Moment brauche.

Die Wahrscheinlichkeit läuft zwar gen null, aber ich muss es versuchen. Ich habe hart an mir gearbeitet. Mit etwas Glück kann ich es schaffen.

Unsere Abende ziehen sich meist bis spät in die Nacht. Bereits nach der ersten Runde ist klar, heute wird es nicht anders laufen. Tom führt. Gegen ihn zu gewinnen, wird verdammt schwer. Isa hingegen liegt nur knapp vor mir. Es fehlt nicht mehr viel, um sie zu überholen.

Hoch konzentriert sitze ich da. Den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt. Meine Zungenspitze zwischen die Lippen gepresst und den Blick auf den Bildschirm fixiert. Nur noch ein paar Punkte. Ich kann die Anspannung förmlich schmecken, die in der Luft liegt. Isa rutscht unruhig neben mir hin und her. Ich spüre ihr Knie hin und wieder an meinem Oberschenkel, aber ich traue mich nicht, sie anzusehen. Die Gefahr, das Spiel zu vermasseln, ist zu groß.

Mein Wagen schießt um eine Kurve, nur ganz knapp entgehe ich einer Kollision, dann fährt er die letzten Meter bis zum Etappenschluss. Gebannt sehen wir zu, wie sich die Punkte zählen. Keiner sagt ein Wort. Isas Parfüm steigt mir in die Nase, blumig, mit einem Hauch Minze, und dann sehe ich das Ergebnis.

»YESSSS!«, rufe ich laut und reiße die Arme hoch. Mit einem zufriedenen Grinsen wende ich mich an Isa. »Ich habe dich gerade überholt. Na, was sagst du jetzt?«

Kritisch betrachtet sie den Spielstand, ehe sie meinen Blick erwidert. Eine leichte Röte liegt auf ihren Wangen. Seit dem Abendbrot ist sie seltsam still, als ob irgendetwas vorgefallen ist, von dem nur sie etwas weiß.

»Das war reines Glück«, antwortet sie knapp und betätigt die Knöpfe, um ihre Runde zu starten. Sie fährt einen rot glänzenden Porsche, dem sie Flammen an der Seite verpasst hat. Schnell in der Beschleunigung, aber nur schwer zu lenken. Das Auto passt zu ihr, auch sie ist nur schwer zu erfassen. Genau, wie jetzt. Vorhin war noch alles gut und nun hüllt sie sich in Schweigen. Kein Wunder, das ich nicht die leiseste Ahnung habe, wie ich mich richtig verhalten soll.

Ihr Mund ist leicht geöffnet, während ihre Daumen über den Controller fliegen. In diesem Punkt sind sich die Geschwister unglaublich ähnlich, auch wenn sie das nicht gerne hören. Sie ist genauso erpicht darauf, zu gewinnen, wie Tom. Wenn kein Wunder geschieht, kann ich meinen Wunsch vergessen. Aber selbst wenn das Unmögliche eintritt, könnte ich mir überhaupt das wünschen, was ich will?

Ein unangenehmes Ziehen in der Brust sagt mir, das ich viel zu feige dafür bin. Immerhin stecke ich in der ganzen Geschichte nicht alleine drin.

Unwirsch fahre ich mir übers Gesicht und durch die Haare. Mir ist plötzlich furchtbar warm. Isa sitzt im Schneidersitz neben mir und mich durchfährt jedes Mal ein Kribbeln, wenn ihr Arm im Eifer des Spiels gegen meinen stößt. Was macht dieses Mädchen nur mit mir?

Ich lehne den Oberkörper nach links, um den Kontakt zu unterbinden, und meine Gedanken weg von Isa zu lenken.

»Ey, das gibts doch nicht?«, höre ich Tom aufgebracht rufen.

Meine Aufmerksamkeit klärt sich wieder für das Spiel. Isa jubelt neben mir, zu recht. Nicht nur, dass sie Tom überholt hat, nein, sie hat mich meilenweit abgehängt. Wie hat sie das denn bitte geschafft?

Scheiße.

Meine Hand verkrampft sich um den Controller.

»Siehst du, Tom. SO, macht man das.« Sie wirkt wie ausgewechselt. War sie eben noch betrübt gewesen, hüpft sie jetzt freudig auf der Couch auf und ab und boxt dabei ihrem Bruder immer wieder spielerisch gegen die Schulter. Er sagt nichts dazu, sitzt nur da und starrt den Bildschirm finster an, als wäre es allein seine Schuld, das er jetzt auf Platz zwei steht.

»Ich habe dich gerade überholt. Na, was sagst du jetzt?« Isas Gesicht taucht unvermittelt vor mir auf. Ihre Augen funkeln spitzbübisch, als sie dasselbe sagt, wie ich zuvor zu ihr.

Ich versuche mich an einem Lächeln und scheitere. Eigentlich weiß ich ja, dass es gegen die beiden total aussichtslos ist, zu gewinnen. Aber so chancenlos zu sein, versaut mir echt die Stimmung. Dabei habe ich mich wirklich angestrengt besser zu werden.
Isas freudiger Ausdruck fällt in sich zusammen. »Ach komm, mach nicht so ein Gesicht. Noch ist das Spiel nicht vorbei.«

Sie legte mir die Hand auf den Arm. Sie ist warm und fühlt sich selbst durch den Pulli viel zu gut an.

Ich schlucke. »Ich gebe nicht auf, falls du das hoffst«, erwidere ich eine Spur zu hart und schiebe ihre Hand grob beiseite. Ihre Augen werden groß. Ich sehe die Enttäuschung in ihrem Blick, dann dreht sie sich weg und rammt ihrem Bruder den Ellbogen in die Seite, der immer noch still vor sich hin schmollt. »Na los, Tom, du bist dran.«

Das war fies von mir, das weiß ich, aber es ist besser so. Zumindest versuche ich mir das einzureden, während das schlechte Gewissen mich innerlich zerfrisst.

Die Stelle, an der Isas Hand lag, glüht.

Mein Körper schreit nach mehr.

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