Erik & Isa | Blogroman

3 – Isa

Auf der Couch hatte ich das Gefühl, er war regelrecht geflohen und jetzt macht er ein Gesicht, als ob seine Pizza schlecht wäre.

Ob er miese Laune hat?

Gedankenverloren kaue ich auf meinem Stück Hawaii-Pizza. Ich teile sie mir mit meinem Bruder. Uns beiden ist eine ganze Pizza meistens zu viel, zumindest wenn man, wie wir, die Familiengröße bestellt. Tom muss sich deshalb regelmäßig von Erik aufziehen lassen, weil an ihm nichts dran ist. Er ist lang und drahtig, genau wie unser Vater. Ich hingegen bin winzig und schlage mit der fraulichen Figur voll nach unserer Mutter. Außer die Locken, die haben wir beide von Opa geerbt. Ich fand mein Aussehen immer ganz okay, bis zu dem Tag, als Erik meinte, ich sehe aus wie ein kleines Kind, wenn ich meine Latzhosen trage. Ich hatte sie am gleichen Tag noch in die Altkleiderspende geschafft. Auch meine Zöpfe gehören seitdem der Vergangenheit an.

Keine Ahnung, ob das überhaupt irgendjemandem aufgefallen ist. Aber allein der Gedanke, Erik sah in mir nichts anderes, als ein kleines Kind, war für mich schon damals unerträglich gewesen. Unterbewusst habe ich wohl schon immer eine Schwäche für ihn gehabt.

Ich seufze.
In diesem Punkt ist dir eben nicht zu helfen, Isa.

Ich greife in die Pizzaschachtel.
Sie ist leer.

»Ist das dein Ernst?«, fahre ich meinen Bruder an. »Ich habe gerade mal zwei Stück abbekommen.«

»Wer nicht kommt zur rechten Zeit, der muss sehen, was übrig bleibt, Schwesterherz. So läuft das Leben nun mal.« Hämisch grinsend angelt Tom nach der Colaflasche, füllt sein Glas auf und zwinkert mir gönnerhaft zu.

Ich balle die Hände zu Fäusten. Zu schade, dass ich gerade nichts parat habe, was ich ihm an den Kopf werfen kann.

»Du bist total unsozial, weißt du das? Und so was soll mein Bruder sein?«

Selbst beim Trinken verschwindet das Grinsen nicht von seinem Gesicht. Wütend funkel ich ihn an. Wir liefern uns eines unser typischen Blickduelle. Wer blinzelt, verliert.

Ein Schaben erklingt und unterbricht den Wettstreit. In meinem Sichtfeld taucht eine weitere Pizzaschachtel auf.

»Du kannst bei mir mitessen«, bietet Erik an und schiebt sich einen Rest Pizza in den Mund.

»Danke«, murmel ich, greife nach einem Stück und sehe meinen Bruder mit zusammen gekniffenen Augen an. »Wenigstens ein sozialer Mensch in diesem Raum.«

Tom winkt ab. »Erik will sich doch nur für später einen Bonus erkaufen.«

»Den hat er auch bitter nötig«, antworte ich und muss grinsen. Der Zwist von eben ist bereits vergessen. Wir können eh nie lange böse aufeinander sein. So sind wir. Von null auf Hundert, mit anschließender Notbremsung.

»Was soll das denn heißen?«, fährt Erik dazwischen. Seine Stimmung scheint sich mit der Pizza etwas gebessert zu haben. Zumindest schaut er nicht mehr allzu grimmig drein. »Du wirst dich noch umgucken, Isa. Ich bin in den letzten Wochen extrem gut geworden. Nimm dich vor meinen unglaublichen Fähigkeiten lieber in Acht.«

Er winkelt den Arm an, um uns seine unglaublichen Kräfte zu zeigen.

Tom und ich brechen gleichzeitig in lautes Gelächter aus. Mir stehen nach kurzer Zeit die Tränen in den Augen, während Tom sich auf dem Stuhl krümmt vor Lachen. Erik war schon immer eine Niete beim Zocken. Das einzige Erfolgserlebnis, das er je hatte, war, das er meine Cousine Nicci bei Super Mario Card geschlagen hat.
Nicci ist sieben.

Frustriert verzieht Erik das Gesicht.

»Ihr seid echt tolle Freunde, wisst ihr das? An eurer Motivationstechnik solltet ihr wirklich noch arbeiten.«

»Sorry, Erik«, pruste ich. »Aber du bist der talentloseste Gamer, den ich kenne. Bleib lieber beim Basketball, da kann dir keiner was vormachen.« Endlich verschwindet die krampfige Stimmung und wir lachen miteinander, als ob nichts wäre. Das tut verdammt gut und ich merke, wie ich mich ein wenig entspanne.

»Hah, hör es dir an, Tom«, lacht Erik zufrieden und zwinkert mir zu.

Ich kann nicht anders, als sein Lächeln zu erwidern.

Erik ist der beste Spieler in unserer Schulmannschaft. Mit einer Leichtigkeit, als hätte er nie etwas anderes in seinem Leben getan, führt er den Ball über das Feld und spielt jeden Gegner aus. Tom spielt zwar auch, allerdings nur halb so gut. Ich hatte den beiden regelmäßig beim Training zugesehen, bis die Jungs eines Tages ohne Trikots gespielt haben und die Mädels auf der Tribüne förmlich ausgerastet sind. Der Anblick von Eriks durchtrainiertem Oberkörper, und die Gespräche der schmachtenden Mädels neben mir, haben mich den ganzen Abend nicht mehr losgelassen. Ich war sauer und konnte mir nicht erklären warum.

Mittlerweile weiß ich, dass ich einfach eifersüchtig war. Eifersüchtig auf diese Mädchen, die Erik mit ihren Blicken verschlungen haben und es nicht lassen konnten, jedes Detail von ihm zu kommentieren. Aber noch wütender war ich, dass sie das frei tun konnten, im Gegensatz zu mir, für die der beste Freund des großen Bruders ein ungeschriebenes Tabu war.

Seitdem gehe ich zu keinem Training mehr. Ich begann, ihn zu meiden. Erst beim Training, dann in der Schule und letztendlich auch zu Hause. Das ist furchtbar anstrengend, weil mich mein Kopf in die eine und mein Herz in andere Richtung zieht. Aber ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn Erik irgendwann eine Freundin anschleppt. Sie mit ihm zu sehen wäre eine Katastrophe. Wahrscheinlich muss ich dann auswandern. Australien wäre nett. Da unten ist es wenigstens schön warm.

»Bist du fertig, Isa?«

Toms Stimme reist mich aus meiner Gedankenspirale und mir wird schlagartig heiß, als ich bemerke, dass ich die ganze Zeit völlig abwesend auf Eriks Brust gestarrt habe.

»Äh, ja. Ich räum auf.«

Hastig springe ich vom Hocker und schaffe die leeren Pizzakartons in den Müll, um mein brennendes Gesicht zu verbergen. Meine Beine fühlen sich an wie Pudding und ich bleibe ein paar Sekunden länger als nötig in der Küche, um mich zu beruhigen. Die Hände an die Wangen gedrückt, versuche ich gleichmäßig zu atmen.

Warum hatte ich nicht die Wand angestarrt? Oder Tom? Oder die blöde Pizza?

In meinem Magen rumort es. Die Pizza dreht sich um ihre eigene Achse, als wolle sie meine Gedanken verhöhnen. Mir wird schlecht. Von wegen alles ist, wie immer.
Wie dumm bin ich eigentlich?

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5 Gedanken zu “Erik & Isa | Blogroman

  1. Kommt es mir nur so vor oder war dieses Kapitel tatsächlich viieel kürzer als die vorigen …? ;)
    Ich frage mich ja, wann Tom, als die Person zwischen den beiden, zum ersten Mal etwas bemerkt. Besonders unauffällig verhalten sie sich schließlich nicht ^^

    Gefällt 1 Person

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