Wunschgeflüster – Kurzgeschichte

Der böige Wind wehte ihr immer wieder die blonden Strähnen ins Gesicht, doch das interessierte das kleine Mädchen kein bisschen. Denn sie war auf Schatzsuche.

„Am Strand findet man die größten Schätze“, hatte ihr Papa gesagt. Und genau die wollte sie finden. Muschel um Muschel, Stein um Stein wanderte in ihre Hosentaschen, bis sie ganz schwer wurden.

Sie quiekte vergnügt, als eine kalte Welle ihre Zehen kitzelte. Hastig sprang sie aus dem Wasser und rannte weiter, auf der Suche nach etwas Kostbarem. Und da sah sie es. Ein Funkeln im Wasser. Zwei tapsige Schritte und sie war da.Neugierig betrachtete sie ihren Fund. Der grau, glitzernde Stein wog schwer in ihren winzigen Händen. Er besaß ein Loch, durch das sie hindurch sehen konnte und er war vollkommen rund. Stolz und voller Eifer trug sie ihn zu ihren Eltern.

„Papa, ich habe einen Schatz gefunden“, strahlte die Kleine ihren Vater an.

„Na dann zeig doch mal“, freute er sich und betrachtete interessiert den Inhalt ihrer Hände. „Da hast du aber wirklich etwas ganz Tolles gefunden. Das ist ein Hühnergott“, erklärte er und zog sie sanft auf seinen Schoß.

„Was ist ein Hühnergott, Papa?“, fragte das blonde Mädchen und schaute ihn gespannt an.

„Ein Hühnergott beschützt dich vor bösen Geistern. Und wenn du mal einen riesengroßen Wunsch hast und ihn ganz leise durch das Loch flüsterst, geht er in Erfüllung.“ Liebevoll strich er ihr die kurzen Fransen aus dem Gesicht und drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel. „Du musst ihn gut aufheben.“

Mit großen Augen bestaunte sie ihren Schatz. Einen echten Hühnergott.

***

„Papa, du solltest dich echt nicht so hängen lassen“, seufzte die junge Frau und knotete sich die blonden Haare zum Dutt. „Nur weil Mama im Krankenhaus liegt, heißt das nicht, dass du in einer Müllhalde leben musst.“ Mit geübten Griffen räumte sie die leeren Teller vom Stubentisch, warf die Packungen vom Chinesen in den Müll und begann das Geschirr in der Küche zu spülen. Von ihrem Vater erhielt sie nur ein müdes Brummen. Er saß auf der Couch und zappte sich durch das tägliche TV-Programm.

Das Telefon klingelte, doch er ignorierte es. Brachten die letzten Anrufe meist doch nur schlechte Nachrichten.

„Du könntest ruhig mal ans Telefon gehen“, rief sie verärgert, stürmte an ihrem Vater vorbei und hob den Hörer von der Ladestation. „Was, wenn es eine gute Nachricht ist?“ Kopfschüttelnd nahm sie ab. „Erdmann. Hallo?“ Es war das Krankenhaus. Keine guten Nachrichten, wie seit Wochen. Ihr Vater drückte das Gesicht in die Hände.

„Und?“, vernahm sie seine gedämpfte Frage, als sie das Telefonat beendet hatte. „Haben sie endlich einen Spender?“

„Nein“, erwiderte sie knapp und spürte die Tränen in ihren Augen.

Ein Herz. Es war doch nur ein Herz, das ihre Mutter brauchte. Aber es sah schlecht aus. Ihre Blutwerte sanken weiter ins Negative und die Warteliste für Spenderorgane war lang. Keine rosigen Aussichten. Und je mehr Zeit verstrich, desto verwahrloster sah die Wohnung ihrer Eltern aus. Es brach ihr das Herz ihren Vater so leiden zu sehen und ihm nicht helfen zu können. Aber sie konnten nichts tun, außer warten und beten.

Ein kurzer Schmerz durchzuckte ihren Bauch. Zärtlich legte sie ihre Hände darauf und ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.

„Na, meine Kleine? Du wirst deine Mama doch nicht etwa treten, oder?“

„Wahrscheinlich ist sie nur verärgert über die Inkompetenz des Krankenhauses“, wetterte ihr Vater verärgert. Das Funkeln in seinen Augen verriet jedoch die Freude über das Enkelkind. Auch wenn die Angst um seine Frau das anstehende Ereignis mit dunklen Wolken überschattete, nahm sie es ihrem Vater nicht übel. Sie gab ihm einen Kuss auf die Stirn und verließ das Wohnzimmer.

Ein halbe Stunde später glänzte die Küche. Sie hatte gesaugt, den Müll raus gebracht und gerade damit begonnen im Wohnzimmer Staub zu wischen, als sie etwas in der Glasvitrine ihrer Mutter entdeckte. Neben Familienfotos und bunten Kristallgläsern lag ein Stein.

„Ich wusste gar nicht, dass ihr den noch habt?“, sagte sie erstaunt und drehte ihren alten Schatz in den Fingern. Schließlich hielt sie ihn vor ihr Auge, um hindurchzusehen.

„Du weißt doch, wie deine Mutter ist. Sie kann sich von solchen Dingen einfach nicht trennen“, erklang die missmutige Antwort ihres Vaters.

Einer Eingebung folgend, legte sie den Stein an ihre Lippen, schloss die Augen und flüsterte.

„Was machst du denn da? Hast du dir gerade etwas gewünscht?“

„Ja.“

Er lachte freudlos. „Als ob das helfen würde.“

Resigniert hob sie die Schultern. „Ein Versuch war es wert“, sagte sie mehr zu sich selbst, als zu ihm und legte den Stein zurück.

***

Das laute Kreischen der Möwen und das Rauschen der Wellen begleiteten das kleine Mädchen auf ihrem Weg. Es rannte voller Energie und Spaß über den Strand und sprang immer wieder in die anbahnenden Wellen. Ihre Hose war bereits ganz nass, obwohl sie jemand sorgfältig hochgekrempelt hatte. Hier und da blieb die Kleine stehen, hob Steine, Muscheln und Algen auf, um sie neugierig anzusehen. Schließlich entdeckte sie einen ganz besonderen Schatz. Einen runden Stein mit einem Loch und wenn sie ihn in die Sonne hielt, glitzerte er sogar.

Aufgeregt lief sie mit ihrem Fund zurück, um ihn zu zeigen.

„Oma, Oma, schau mal, was ich gefunden habe!“, rief das Mädchen voller Begeisterung. „Einen Lochstein.“

„Das ist ein Hühnergott, mein Kind“, klärte sie die ältere Frau auf der Picknickdecke auf.

„Was ist ein Hühnergott?“

„Das ist ein magischer Stein. Er beschützt dich vor bösen Geistern und erfüllt dir einen Wunsch, wenn du ihn durch das Loch flüsterst.“ Sie lächelte das Mädchen an, dass vor ihr freudig auf und ab hüpfte.

„Den nehme ich meiner Mama mit, damit die bösen Geister sie beim Schlafen nicht stören.“

„Das ist eine wunderbare Idee, mein Schatz. Am besten, wir bringen ihn nachher gleich vorbei.“

Die Kleine nickte zustimmend und packte den Stein sofort in ihren blauen Rucksack. Und als es hieß nach Hause zu fahren, da fuhr auch der glitzernde Stein in ein neues Zuhause. Am Rande der Stadt, zwischen bunten Blumen und selbst gemalten Bildern, lag er nun neben einem wunderschönen Grabstein.

Auf dem in geschwungener Schrift stand – Mein Herz ist dein Herz.

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