Erik & Isa | Blogroman

5 – Isa

Ich beobachte Erik dabei, wie er die leeren Gläser vom Stubentisch in die Küche räumt. Mit verschränkten Armen sitze ich auf einem der Hocker am Küchentresen und lasse meine Beine baumeln. Immer wieder sehe ich Eriks Gesicht vor mir, wie er meine Hand wegschiebt, als hätte sie ihn verbrannt. Seine Reaktion schrie förmlich: Fass mich nicht an!

In meinen Gedanken bin ich diesen Moment gefühlt eine Million Mal durchgegangen. Der Tag, an dem ich all meinen Mut zusammen nehme und Erik sage, dass ich ihn mag, ist meist grau und regnerisch. Was mit Sicherheit daran liegt, dass das Szenario in meinem Kopf immer schlecht endet. Ich besaß schon immer einen Hang zur Dramatik. Aber ganz ehrlich, kleine Schwester und bester Freund des großen Bruders, das kann einfach nicht funktionieren. Das sagt auch meine beste Freundin Caro.

»Stell dir nur mal vor, ihr trennt euch. Weißt du, wie scheiße das dann für Tom wird? Er müsste sich dann zwischen dir und seinem besten Freund entscheiden. Willst du das?«

Ihre Stimme habe ich noch genau im Ohr und sie hat ja recht, also warum mir etwas in schillernden Farben ausmalen, wenn die Realität eine ganz andere ist?

Unwillkürlich kommt ein Glucksen über meine Lippen. Es ist schon pure Ironie, wenn die eigene Vorstellung Wirklichkeit wird.

Was habe ich eigentlich erwartet?

Die Wahrheit ist … nicht das. Ganz tief in mir drin war da immer dieser Funke. Dieser eine blöde Hoffnungsfunke, der unerschütterlich geleuchtet hat. Er stand für eine andere Vorstellung, eine, die so absurd ist, das ich sie verpackt, verschnürt und extra dick verklebt hatte, um sie dann in der hintersten Ecke meiner Gedankenwelt zu vergraben. Sie entsprach nicht der Realität. Nicht mal annähernd. Sie war ein dummer Herzenswunsch. Einer von der Sorte mit Happy-End-Geschmack.

Ich bin ja so naiv.

Seufzend löse ich die Arme und fahre mir durch die Locken, die in alle Richtungen abstehen. Hätte Tom das mit mir gemacht, hätte ich ihn gefragt, was verdammt nochmal sein Problem ist. Aber bei Erik blieb mir einfach die Luft im Hals stecken. Noch nie … Noch nie, hat er so abweisend reagiert, wie heute. Das hat mich am meisten verletzt. Damit hat er unbewusst einen Krater in mein Herz geschlagen, den ich nur schwer verdauen kann. Mag ja sein, dass heute nicht sein Tag ist. Er war schon beim Essen schlecht drauf. Aber muss er das an mir auslassen?

Ich bin innerlich aufgewühlt und fühle mich gleichzeitig total leer und schwach. Als ob mir jegliche Energie entzogen wurde. Mein Herz zeigt mit jedem Schlag, dass verliebt sein total blöd ist, wenn man damit allein dasteht. Ich habe zwar das Spiel gewonnen, aber dafür eine Abfuhr kassiert. Nicht unbedingt der beste Handel.

Einzig allein mein Entschluss wurde bestärkt, und der Wunsch, den ich mir heute Abend erspielt habe, wird einen großen Teil dazu beitragen.

Erneut läuft Erik an mir vorbei. Automatisch zupfe ich mein Shirt zurecht. Er würdigt mich keines Blickes.

Was für ein beschissener Abend. Warum zum Henker habe ich überhaupt daran teilgenommen? Das ist alles Tom´s Schuld!

Ich revidiere den Gedanken. Alles Tom in die Schuhe zu schieben ist nicht besonders fair. Immerhin hat er nur gefragt, die Entscheidung hinzugehen lag ganz allein bei mir. Der Grund, wieso ich heute Abend dabei war, ist der Selbstzerstörerischste überhaupt.
Ich habe Erik vermisst.

Nach Wochenlanger, selbst auferlegter Abstinenz wollte ich ihn einfach wiedersehen. Mein nerviger Bruder hat mir nur die Möglichkeit dafür geboten.

Ich sehe mich nach ihm um, damit ich nicht länger Erik beim Aufräumen zusehen muss, aber Tom ist weg. Mit Sicherheit sitzt er in seinem Zimmer und wirft seinen dämlichen Ball gegen die Wand. Das macht er immer, wenn er aufgewühlt, sauer, traurig, gelangweilt oder irgendwie anders emotional unausgelastet ist. Eine schreckliche Angewohnheit, vor allem, weil mein Zimmer genau neben seinem liegt. Das Klopfen des kleinen gelben Balls gegen die Wand, die unsere Räume voneinander trennt, raubt mir schon seit Jahren den Schlaf.

Erik kniet am Boden, um die letzten Reste unserer Popcornschlacht aufzusammeln. Unbewusst ist mein Blick wieder zu ihm gewandert. Als wäre er ein Magnet, der meine Aufmerksamkeit immer wieder auf sich zieht. Trotz seines Verhaltens von vorhin tut er mir leid. Immer ist er derjenige, der aufräumen muss. Aber damit ist ja zum Glück bald Schluss.

Soll ich ihm helfen?

Zu zweit wären wir schneller, aber ich lasse es lieber. Nicht, weil ich Erik nicht helfen will, sondern aus Angst erneut angefahren zu werden. Einmal reicht völlig. Außerdem hat er verloren. Helfen ist gegen die Regel.

Es ist doof hier zu sitzen und zu warten. Ich würde mich viel lieber oben in meinem Zimmer verbarrikadieren. Obwohl mir nicht unbedingt nach Heulen zumute ist. Viel mehr durchdringt mich eine tiefe Schwere, die nach Trübsal blasen schreit. Vielleicht höre ich mir nachher noch einmal die CD von Erik an. Die Musik dieser Band ist zwar schrecklich, aber dafür herrlich melancholisch und wie dafür geschaffen in Selbstmitleid zu versinken.

Mit einem Ruck setze ich mich aufrecht hin. Ich muss mich zusammenreißen. Wenn ich es nicht durchziehe, geht mir nur der Mut flöten. Ich kenne mich. Es muss heute passieren. Immerhin stehen bald Prüfungen an. Dieser ganze Gefühlskram ist da nur im Weg.

»Ich geh dann mal.«

Eriks Stimme erklingt so nah neben mir, dass ich zusammenzucke.

»Was?«, frage ich verdutzt.

Meine Aufmerksamkeit schält sich nur schwer, aus den Tiefen in denen sie versunken war. Hatte er nicht eben noch Popcorn aufgesammelt? Nun lehnt er mit verschränkten Armen auf dem Tresen und schaut mich an. Seine Augen sehen jetzt mehr nach Zartbitter, denn nach Karamell aus. Ich kenne ihn schon viel zu lange, um nicht zu bemerken, das ihn irgendetwas beschäftigt.

»Ich bin fertig«, sagt er.
»Okay.«
»Also, ich geh dann.«

Erik drückt sich vom Tresen weg und Panik steigt in mir hoch.

Er geht?

Ich versuche meine Stimme zu finden, die sich mutlos verkrochen hat. Zwei Schritte entfernt dreht er sich noch einmal um.

»Isa, wegen vorhin …« Er hebt die Hand, nur um sie dann gleich wieder sinken zu lassen. »Das … Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht so anfahren. Heute ist irgendwie nicht mein Tag. Bis morgen.«

»Ich möchte, dass du nicht mehr herkommst.«

Es war raus. Kurz. Schmerzlos. Ein Satz. Ganz einfach.

Trotzdem muss ich die Hände unter meine Oberschenkel schieben, damit Erik nicht sieht, wie sehr sie zittern. Sein Anblick bereitet mir Bauchschmerzen. Er sieht aus, als hätte ihn der Blitz getroffen. Kein Ton kommt über seine Lippen. Er starrt mich einfach nur an und ballt die Hände zu Fäusten.

Jetzt ist mir doch zum Heulen zumute.
Atmen, Isa!
Ein.
Aus.
Ein.
Aus.

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4 Gedanken zu “Erik & Isa | Blogroman

  1. Also DAS habe ich als ihren Wunsch so gar nicht erwartet! :o Aber es macht in ihrer Lage durchaus Sinn, so weh es auch tut … Ich schätze, jetzt liegt es an ihm, einen Schritt in ihre Richtung zu machen. Definitiv spannend bleibt allerdings, wie sie diese Forderung begründen wird und was die Jungs dazu sagen.

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