1 – Erik & Isa | Blogroman

1 – Isa

Aufgeregte Rufe dringen mir aus dem Wohnzimmer entgegen und sofort beginnen meine Hände zu zittern.

Erik ist da.

Sich in den besten Freund des großen Bruders zu verlieben ist dumm. Nicht nur weil er zwei Jahre älter ist, sondern weil er eben immer noch der beste Freund meines Bruders blieb. Das kann nicht funktionieren. Allein der Gedanke, dass mein Bruder davon erfährt und er es dann Erik erzählen könnte, lässt mich voller Scham im Boden versinken. Das ist einfach nur peinlich. Warum kann nicht alles so sein, wie früher? Entspannt und voller Spaß. Warum müssen meine verdammten Gefühle alles so schrecklich kompliziert werden lassen?

Tom, Erik und ich, wir kennen uns schon ewig. Seit der zweiten Stufe besuchen Erik und Tom die gleiche Klasse. Sie wurden beste Freunde und Erik kommt seither beinahe jeden Tag bei uns zu Hause vorbei. Ich bin quasi mit ihm aufgewachsen. Früher habe ich ständig mit den Jungs abgehangen. Wir haben gezockt, Pizza gefuttert und ich habe über das blöde Gequatsche der beiden gelacht. Aber seit ein paar Wochen kann ich das nicht mehr.

Allein im selben Raum mit Erik zu sein, lässt meine Gefühle Achterbahn fahren. Ich werde nervös, lasse alles fallen und bin ständig damit beschäftigt an mir herum zu zupfen. Mein ganzes Verhalten nervt mich selbst tierisch, aber ich kann es nicht abstellen. Seine Stimme bringt mein Innerstes zum Beben, sein Lachen beschert mir Gänsehaut und seine Augen…

Oh nein, warum muss ich denn jetzt an seine Augen denken? Nicht gut Isa, nicht gut. Atmen! Los, atmen!
Ein.
Aus.
Ein.
Aus.
Ja, so ist es gut. Du schaffst das!

Meine Finger sind eiskalt. Ich gebe mir einen Ruck und betrete endlich unser helles Wohnzimmer, vor dem ich nun schon geschlagene 20 Minuten herumstehe. Unsicher, ob ich hinein gehen soll oder nicht. Aber nachdem Tom mir die letzten Tage vorgejammert hat, dass Erik ständig nach mir fragt und ihn das voll nervt, wollte ich nicht länger mit Abwesenheit glänzen. Allein Tom zuliebe, aber auch wegen Erik. Hat er mich vielleicht vermisst?

Mit Sicherheit, aber nicht aus dem Grund, den ich gerne hören würde.

Eriks breite Schultern beben vor Lachen, über einen Crash den Tom eben mit seinem Rennauto verursacht hat. Seine strohblonden Haare kringeln sich in seinem Nacken und lassen meine Finger unwillkürlich zucken. Am liebsten würde ich hindurch fahren und ihm die Frisur verstrubbeln.

Isa, dir ist echt nicht mehr zu helfen.

»Alter, was war das denn bitte?« Frustriert schlägt Tom gegen Eriks Schulter. Er hasst es, wenn er nicht der Beste ist, vor allem bei seiner geliebten PS4.

»Isa, da bist du ja endlich«, registriert mein Bruder mich, nachdem ich drei wackelige Mikroschritte gemacht hatte.

Wieso muss er mich denn so schnell bemerken? Warum nimmt er mir die Chance, es mir noch einmal zu überlegen? Idiot!

»Los, du kannst gleich mal übernehmen. Ich hol uns etwas zu trinken.« Er wirft mir den Controller zu und springt von der Couch.

Unsicher stehe ich im Raum. Den Controller in den schweißnassen Händen, die sich darum krampfen, als wäre das Teil mein Rettungsring in Seenot. Eriks Anwesenheit fühlt sich, wie glühendes Feuer auf meiner Haut an. Ich traue mich nicht ihn anzusehen. Mein Blick geht überallhin, bloß nicht zu ihm.

»Lang nicht gesehen, Isa.«

Jetzt sehe ich ihn doch an. Er lächelt und seine karamellfarbenen Augen werden zu flüssiger Schokolade. Mein Herz macht einen Sprung und beginnt dann im Galopp gegen meine Brust zu hämmern.

Oh nein, das ist absolut unfair. Warum muss er mich denn SO ansehen?

»Äh, ja. Ich war beschäftigt«, bringe ich mühsam hervor und zupfe an meinem Shirt. War das eben auch schon so übel zerknittert gewesen?

Atmen, Isa!
Ein.
Aus.
Ein.
Aus.
Lass das Rumgezupfe!
Setz dich hin!
Sei ganz normal!

Ich nehme neben Erik auf der äußersten Kante der Couch Platz. Der Klammergriff um den Controller lässt meine Fingerknochen weiß hervortreten. Ich muss dringend ein wenig entspannen. Leichter gesagt, als getan.

»Alles klar«, kommentiert Erik meine jämmerliche Ausrede. »Und, wie geht´s dir?«

»Ähm, gut, denke ich.«

Oh je Isa, was redest du denn da?

Mein Gesicht wird heiß. Wie gerne würde ich jetzt schreiend aus dem Zimmer rennen und mich im Bett unter meiner Decke verstecken. Genau aus diesem Grund ist es die schlechteste Idee überhaupt, sich in den besten Freund des Bruders zu verknallen.
»Denkst du oder weißt du?«, hakt er nach und seine tiefe Stimme brummt in meinem Magen. Eine Antwort bleibt mir zum Glück erspart, denn Tom kehrt mit den Getränken zurück.

Danke, Tom. Ab und an bist du wirklich zu etwas zu gebrauchen.

»Rutsch mal!«, fordert er mich auf und mir bleibt keine andere Wahl, als näher an Erik heranzurücken.

Oder auch nicht.

Als sich Eriks und mein Knie berühren, fahren lauter kleine Stromstöße durch meinen Körper. Gleich darauf umgibt mich sein Geruch. Eine Mischung aus Waschmittel, Deo und frischer Luft. Mein Gehirn zieht endgültig blank. In mir herrscht totale Panik, gepaart mit purer Freude. Ich fühle mich wie ein Feuerwerk, das kurz davor steht in die Luft zu gehen. Unsicher löse ich den Griff um den Controller. Meine Finger sind schon ganz steif, so fest habe ich ihn gehalten. Ich streiche mein Shirt glatt. Was jetzt?

Verstohlen werfe ich Erik einen Blick zu. Er trägt seinen Lieblingspullover, aus dunkelblauem Baumwollstoff, mit dem Logo seiner Lieblingsband drauf. Cours Bla irgendwas. Ich habe mir ihre Musik stundenlang angehört, in der Hoffnung Erik dadurch näher zu sein. Aber ich musste feststellen, dass die Band einfach nur furchtbar klingt und ich wohl nie verstehen werde, warum er sich diese Musik reinzieht.

An den Ärmeln löst sich bereits der ein oder andere Faden und an den Bündchen tun sich die ersten Löcher auf. Aber das ist ihm egal, hat er mir zumindest versichert, als ich ihn vor einer ganzen Weile darauf hingewiesen hatte. Der Pulli ist ein Geschenk seines großen Bruders, der in den Staaten lebt. Sie sehen sich nur sehr selten und er vermisst ihn, da bin ich mir sicher, sonst würde er dieses abgenutzte Teil nicht ständig anziehen. Vielleicht hört er die Band auch nur seinetwegen. Am Ende geht es ihm genauso wie mir und er versucht nur seinem großen Bruder nahe zu sein.

Meine Augen gleiten an seinem Arm nach oben und erreichen sein Gesicht. Das Original ist noch viel schöner, als dieses olle Handybild, was ich jeden Abend vorm Schlafen anschmachte. Die vollen Lippen, mit der kleinen Narbe, die er sich bei einer Prügelei auf dem Spielfeld zugezogen hat. Direkt darüber sitzt eine gerade Nase, deren Flügel sich aufblähen, wenn ihn etwas nervt und dann seine Augen. Ein Traum aus Karamell und Schokolade.

Mein Atem stockt.

Genau dieser wahrgewordene Süßigkeitentraum sieht mich jetzt direkt an.

Zeilentrenner neu

Wenn ihr bis hierher gelesen habt, dann seid ihr offiziell am Ende des ersten Teils meines Blogromans angekommen. Ja, ich wage ein neues Projekt. Schon länger habe ich darüber nachgedacht einen Blogroman zu schreiben und jetzt traue ich mich einfach und werfe meine Geschichte in die Welt hinaus. Zugleich traue ich mich an das Schreiben über die Liebe heran. Gefühle in Worte zu packen ist wohl mit das Schwierigste an einer Geschichte. Jeder Satz muss gut platziert sein, um dem Leser das Spüren zu lassen, was man selbst beim Schreiben empfunden hat.

Ich bin gespannt auf euer Feedback und ich hoffe, euch hat der erste Teil von Erik & Isa gefallen. Falls ja, dann schaut gern nächsten Sonntag wieder vorbei.

Wie findet ihr Isa denn?
Könnt ihr verstehen, warum ihr die Gefühle für Erik peinlich sind?

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15 Gedanken zu “1 – Erik & Isa | Blogroman

  1. Hey Ella,
    ich finde Isas wie Selbstgespräche anmutende Gedanken ziemlich amüsant und freue mich schon darauf, mehr über Erik zu erfahren. Geschichten, in denen sich die sich ineinander verliebenden Protagonisten bereits seit der Kindheit kennen, mag ich ohnehin sehr gerne.
    Ich würde nur aufpassen, Isa nicht zu stark ins hilflose Schmachten abgleiten zu lassen, das kann schnell ins Würdelose führen.
    Ansonsten viel Spaß beim Weiterschreiben, ich bin schon gespannt darauf, wann Erik es merken wird 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Halli Hallo :-)

      erst einmal vielen lieben Dank fürs Vorbeischauen & Lesen!
      Schön, das dir Isa´s Selbstgespräche gefallen. Ich wollte es extra lustig gestalten und ihre innere Nervosität hervorbringen. Danke für den Tipp, sie soll auf keinen Fall als hilflos schmachtende Person rüberkommen. Aber so ein paar Teenie Avancen müssen schon sein. ;-) Ich habe eben Teil 2 veröffentlicht und wünsche dir auch hier viel Spaß beim Lesen. ^^

      Alles Liebe
      Ella <3

      Gefällt mir

    1. Liebe Anna,

      vielen lieben Dank! Das freut mich sehr. Ich bin selbst wahnsinnig aufgeregt, immerhin kann jetzt die ganze Welt diesen Text lesen. Irgendwie ein großer Schritt, der mich immer noch ganz nervös macht. Ich hoffe, du begleitest Erik & Isa auch weiterhin.

      Liebste Grüße
      Ella <3

      Gefällt 1 Person

  2. Hallo liebe Ella!
    Das ist eine wunderbare Idee und ich finde es super, dass du den Mut gefasst hast, diese Geschichte als Blogroman Stück für Stück mit uns zu teilen. Und ich kann für mich sagen, dass ich mich schon auf den nächsten Teil freue – ich möchte mehr über Isa und ihren ‚wahr gewordenen Süßigkeitentraum‘ erfahren! <3
    Liebste Grüße,
    Ida

    Gefällt 1 Person

  3. Du kannst das doch nicht so stehen lassen!
    Ich war grad total drin und nun … aaaaaaaah! :P Wie gemein von dir! ;)
    Ich kann Isas Gefühle total verstehen – ich meine, wie peinlich ist das denn bitte? Vor allem wer derjenige welche auch noch ständig in deiner Nähe ist. Furchtbar! :) Aber acuh schrecklich süß.
    Ich habe jetzt schon einige Fragen zum Hintergrund von Isa und Erik und mag schrecklich gerne wissen, wie es weitergeht.
    Wann geht es denn weiter?

    Liebste Grüße,
    Wiebi

    Gefällt 1 Person

    1. Hey Wiebi,

      ach, schön das du vorbei gelesen hast. :-D Das freut mich sehr und noch mehr freut es mich, dass dir der erste Teil auch gefallen hat. ^^

      Heute gehts weiter und dann immer Sonntag folgt ein neuer Teil. ;-) Viel Spaß!

      Alles Liebe
      Ella <3

      Gefällt mir

  4. Hallo Ella, ich habe deinen Blog eben entdeckt! Dabei auch deinen Blogroman. Ich finde das wirklich mutig und toll, einfach wie du geschrieben hast in die Welt rauswerfen. Ich als kleine Schwester kenne es, wenn man für den Freud des großen Bruders schwärmt. Bei mir hast du auf jeden Fall Bauchkribbeln rübergebracht! Isa finde ich bis jetzt nicht schlecht, ich bin gespannt wie es weitergeht und hoffe, sie wird ihre Sprache wieder finden ;) Auch die beiden Jungs sind interessant, ich werde mal deine weiteren Beiträge lesen. LG Lena

    Gefällt 1 Person

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