Sie hatte verloren und gewonnen – #WritingFriday

Kori saß am Rande der Stadt Mazraád, auf dem Dach eines der verlassenen Häuser. Es gab Unzählige davon in dieser Gegend gab. Eingefallene Kunstwerke aus schwarzem Glas. Leere Hüllen, zurückgelassen auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Kori war eine der Wenigen, die sich ab und an hierher verirrten.

In den engen Gassen zwischen den Ruinen fühlte sie sich wohl. Allein deshalb, weil sie hier das Gefühl hatte, Kou nahe sein zu können. Selbst wenn sein Lachen längst verloren war und allein der Gedanke an ihn, ihrem Herzen einen tiefen Stich versetzte, suchte sie diesen Ort immer wieder auf. Sie wollte ihn nicht vergessen. Sie wollte ihn um jeden Preis in Erinnerung behalten, und zwar so, wie er vor alldem gewesen war. Mit diesem Funkeln in den Augen, wenn ihm eine seiner unsinnigen Ideen in den Kopf kam und seinem frechen Grinsen, dem Kori nie lange böse sein konnte.

Eine einzelne Träne stahl sich ihre Wange hinunter. Sie vermisste ihn. Sie vermisste ihn so sehr, dass es ihr in schlimmen Momenten den Atem raubte. Als ob ihr eigener Körper gegen sie rebellierte, mit der ständigen Frage, wieso er weiterhin funktionieren musste, wenn seine zweite Hälfte, doch zu Asche zerfallen war.

Es half nicht, sich an der Vergangenheit festzukrallen, das wusste Kori. Kou hätte von ihr verlangt zu tanzen, zu lächeln und das Leben in vollen Zügen zu genießen. Er hatte in jeder Not etwas Gutes gesehen, selbst wenn der Hoffnungsfunke bereits verglüht war.
Mit einem Ruck erhob sie sich, wischte die Träne beiseite und balancierte über die Balustrade. Ein geübter Sprung und sie landete direkt auf dem Dache des Nachbarhauses. Sie durfte den Kopf nicht länger in Trauer verlieren und das Glück, welches ihr widerfahren war vergessen.

Manchmal fragte sie sich, wie sie in all das nur hineingeraten war. Staunte darüber, wie die Dinge sich gewandelt hatten. Zum Guten und zum Schlechten. Sie hatte verloren und gewonnen. Aber sie konnte nicht behaupten, dass eine der beiden Seiten, die andere überwog.

Mit geübten Griffen entfaltete sie das Segel ihres Sonnengleiters. Sie schob ihre Füße in die Halterung und die letzten Sonnenstrahlen des Tages brachten den Gleiter zum Surren. In ihrem Inneren begann alles zu kribbeln. Die Solarlampe schaltete von Rot auf Grün. Es war Zeit nach Hause zu fliegen. Mit Sicherheit fragte Miran sich schon, wo sie solange blieb.

Wüstenwinde2
Bild: Spiegel online

Kori lächelte bei dem Gedanken an seinen mürrischen Blick, den er immer aufsetzte, wenn sie all seine Pläne innerhalb eines Wimpernschlages zunichtemachte. Bevor sie abhob, betrachtete Kori ein letztes Mal den Dunst, der wie gewohnt über der Hauptstadt schwebte. Verwirbelter Staub, herangetragen durch die Wüstenwinde der Sync-na-iieh. Dieses Bild war ihr so vertraut. Nach all den Ereignissen, war dieser Anblick irgendwie beruhigend monoton. Das Flirren der Sonnengleiter, wenn sich ihre Membran-Segel im Sonnenlicht brachen und das Funkeln der Glasstadt gaben ihr ein Gefühl von Geborgenheit. Das hier war ihr zu Hause, auch wenn sich für sie alles verändert hatte.

Sie war stolz auf Miran. Wie er all das Prozedere nach dem Tod seines Vaters meisterte, war ihr ein Rätsel. Hakim Miran, Herrscher von Mazraád. Sie musste immer noch lachen, wenn seine Berater ihn so nannten. Es war ihr egal, ob sie dafür böse Blicke erntete. Diese Tatsache war für sie, nach wie vor, einfach unfassbar. Aber den Menschen aus den Glasstädten und dem Wüstenvolk der Sync-na-iieh ging es besser. Die Magie war zurückgekehrt und der wichtigste Punkt von allen, es herrschte Frieden. Hoch lebe, Hakim Miran!

Kori stieß sich von der Dachkante in die Tiefe. Kurz vorm Boden riss sie ihr Segel herum und flog laut jubelnd in den Himmel hinauf. Hoch lebe, Königin Kori!

Zeilentrenner neu

Oh je, es ist schon so ewig her, das ich am Writing-Friday teilgenommen habe. Ich bin schon ganz aus der Übung. Aber das heutige Thema kam mir wie geschaffen dafür vor, euch einen kleinen Einblick in meinen Kopf zu gewähren. Eine Variante, wie eine der vielen Geschichten, die dort lagern, enden könnte. Es hat wirklich Spaß gemacht, all das Geschreibsel dazwischen zu überspringen und direkt die Schlussszene zu verfassen. Haha, warum nicht gleich ein Buch von hinten schreiben?

Das Ende einer Geschichte hat immer etwas Magisches. Wir verlassen die Welt, die uns eine Zeit lang begleitet hat. Es ist jedes Mal ein Abschied mit einem weinenden und einem lachenden Auge, denn wir können zwar jederzeit zurückkehren, aber es wird nie wieder so sein, wie bei unserem allerersten Besuch.

Der #WritingFriday ist eine Aktion von Elizzy, readbooksandfallinlove. Schaut vorbei und macht mit.

Signum


15 Gedanken zu “Sie hatte verloren und gewonnen – #WritingFriday

  1. Liebe Ella,
    oooh, wie schön dein Text ist. Jetzt möchte ich bitte aber auch die Vorgeschichte wissen. Dein Text klingt nach einer absoluten magisch-epischen Geschichte, die ich privat auch echt als Buch lesen würde! Hut ab!
    Liebe Grüße
    Janika

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo Ella,

    mir gefällt dein Ende sehr, sehr gut! Kann mir ein spannedes und abenteuerreiches Buch dazu vorstellen, das ich sehr gerne lesen würde. Du hast einen tolle Fantasie. :-)

    Seit Anfang Mai bin ich auch mit dabei. Diese Woche habe ich mich für das Interview entschieden. HIER geht´s zu meinem Kühlschrank-Bericht.

    GlG und ein schönes Wochenende wünsche ich dir!
    monerl

    Gefällt 1 Person

    1. Hey monerl,

      schön das du auch beim #writingfriday dabei bist. :-) Eine tolle Aktion, die ich in letzter Zeit sträflich vernachlässigt habe.

      Vielen Dank für das Lob. Das freut mich wirklich sehr!

      Alles Liebe
      Ella <3

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  3. Hallo Ella,
    ein richtig magisches Ende, das neugierig auf die Geschichte vorher macht. Mir gefallen die Namen, dieser Sonnengleiter, die ganze Welt, die da durchschimmert.
    LG, Daniela
    Hier mein Beitrag

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    1. Liebe Elizzy,

      ach, es war schön, mal wieder an deiner Aktion teilzunehmen. Ich habe das ganz schön schleifen lassen. Asche auf mein Haupt. Freut mich, wenn dir der Auszug gefallen hat. :-)

      Alles Liebe
      Ella <3

      Gefällt 1 Person

    1. Hey Miriam,

      hahaha, oh ich danke dir von Herzen! :-D Es freut mich mega, das ich jemanden so mit diesen Zeilen begeistern konnte. Die Story ist tatsächlich in Arbeit und vielleicht werde ich sie auch irgendwann mit der Welt teilen. ;-)

      Liebste Grüße
      Ella <3

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