8 – Erik & Isa | Blogroman

8 – Erik

Er lässt mich abrupt los.

»Verschwinde.« Seine Stimme klingt rau. Einen Augenblick lang stehen wir uns gegenüber, ohne, dass jemand einen Ton sagt.

Ich kann mich nicht bewegen.

»Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe? Los, VERSCHWINDE!« Das letzte Wort brüllt er.

Endlich kommt Bewegung in meinen Körper. Ich greife nach meinem Handy und dränge mich an ihm vorbei. Im Flur treffe ich auf Charlotte. Ihre Augen sind rot und ihr Mascara ist verschmiert. Sie hat die Arme vor der Brust verschränkt. Ich sehe ihr an, dass sie etwas sagen will, aber nicht weiß was. Oder wie. Ganz egal, denn auf einmal fühlt sich alles viel zu eng an. Mein Shirt, meine Haut, mein ganzes Leben. Ich habe nicht gewollt, dass sie unseren Streit mitbekommt. Das sie überhaupt irgendetwas von alldem mitbekommt, was zwischen meinem Vater und mir steht.

»Ich gehe zu Tom.«

Sie nickt.

Eigentlich bin ich dieses Thema leid. Es quält mich schon viel zu lange. Verfolgt mich bis in den Schlaf. Albträume, Schlafmangel. Nach der ganzen Geschichte bin ich mitten im Sportunterricht einfach umgekippt. Tom hat mich damals nach Hause gebracht. Auf dem Heimweg habe ich angefangen zu reden. Es war wie ein Zwang. Ich musste all den Ballast loswerden, der sich in mir angestaut hatte. Er hat zugehört, ohne mich ein einziges Mal zu unterbrechen, denn er weiß, wie es ist Schweigen zu müssen, wenn man am liebsten laut schreien würde.

Betont langsam verlasse ich das Haus, als hätte ich alle Zeit der Welt, obwohl mir das Herz beinahe aus der Brust springt. Aber wegrennen ist ein Zeichen von Schwäche und ich bin nicht schwach.

Ich. bin. nicht. schwach.

Kaum hat sich die Haustür hinter mir geschlossen, löst sich der Druck. Mein Atem geht freier, ich öffne und schließe meine Hände ein paar Mal. Das hilft mir gegen die innere Unruhe, die mich jedes Mal in seiner Nähe überkommt. Meine Haut fühlt sich schwitzig an und Gänsehaut überzieht meine Arme. Ich habe wieder die Jacke vergessen.

Zum Glück wohnen die Rhalls nicht weit weg. Nach knapp 20 Minuten stehe ich zitternd vor ihrer Haustür. Tom reißt die Tür auf, kaum dass ich die Klingel betätigt habe, als ob er nur auf mich gewartet hätte.

»Na, endlich!«, mault er, doch sein Blick spricht Bände. Er ist nicht sauer, sondern besorgt. »Sag mal, ist dir nicht kalt?«

Ich schenke ihm ein knappes Lächeln und nicke. »Arschkalt«, bestätige ich und trete an ihm vorbei in den Flur. Gerade will ich in Richtung Küche abbiegen, als Tom mich an der Schulter packt.

»Gab es Ärger?«

Er zieht den Kragen meines Shirts ein Stück zur Seite und verzieht das Gesicht. »Dieser Wichser!«

»Ich hab ihn provoziert«, verteidige ich ihn automatisch und möchte mir dafür am liebsten direkt selbst eine reinhauen.

»Und das rechtfertigt diese Scheiße, oder was?«, knurrt er, den Blick auf meinen Hals geheftet. Ich löse mich aus Toms Griff.

»Natürlich nicht.«

»Als Nächstes sagst du noch, es sei deine Schuld.«

Manchmal weiß ich gar nicht, wo mein Gehirn diese Sachen herholt. Ein Geruch oder ein Wort reicht aus und sie sind da. Erinnerungen an sie. Erinnerungen an ihn. Erinnerungen an laute Stimmen, berstendes Geschirr und knallende Türen. »Es tut mir leid, mein Schatz. Das ist alles Mammies Schuld. Leg dich wieder schlafen.«

Ich schließe kurz die Augen und atme tief durch.

»Ich brauche etwas zu trinken«, sage ich und lasse Tom im Flur stehen. Wie immer ist das Haus, abgesehen von Tom, leer. Die Eltern der beiden sind oft auf Reisen, seit die Geschwister alt genug sind. Herr Rhall ist Tier-Fotograf und seine Frau Biologin. Ein Dream-Team in Sachen Berufswahl.

Manchmal kommt es mir so vor, als gäbe es nur uns drei. Seit ich Tom kenne, bilden wir eine unzerstörbare Einheit. Stets füreinander da, wenn die, die diesen Job eigentlich übernehmen sollten, es nicht können. Nicht machen. Nicht wollen. Wie auch immer.

Ich gieße Cola in ein Glas. Eigentlich ist mir immer noch kalt und das Koffein nicht unbedingt das Beste, um mein aufgewühltes Gemüt zu beruhigen, aber in diesem Haushalt gibt es, außer Softdrinks und Tee, nichts anderes.

»Sorry.« Tom tritt neben mich und nimmt sich ebenfalls ein Glas aus dem Schrank. »Das war nicht so gemeint. Es pisst mich einfach nur an, das ist alles.«

»Schon gut«, murmel ich und trinke mein Glas mit einmal leer. »Wo ist eigentlich Isa?« Neben dem ganzen Ärger mit meinem Vater hatte ich die Sache mit ihr beinahe verdrängt. Noch ein Problem, dem ich lieber aus dem Weg gehen würde.

»Bei Caro.«

»Hat sie inzwischen mit dir gesprochen?«

»Nein, Mann. Sie reagiert nicht auf meine SMS. Alter, was soll das Ganze überhaupt?«
Ich merke ihm unter seiner gereizten Antwort, die Unsicherheit sofort an und schlage mir innerlich gegen die Stirn.

Ich Idiot!

Natürlich macht er sich Gedanken, daran hatte ich überhaupt nicht gedacht.
»Ich habe nichts gesagt und es geht auch nicht darum. Keine Sorge. Aber Isa soll dir das alles selbst erklären.«

Er wirkt immer noch angespannt, sagt aber nichts mehr dazu. Wir nehmen unsere Stammplätze auf der Couch ein und Tom startet das Spiel. Die erste Runde ist gerade vorbei, als sein Handy klingelt.

»Es ist Isa«, sagt er und hebt ab.
Kurz darauf sieht er mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und formt lautlos ein Wort. »Caro.«

Wieso ruft Caro mit Isa´s Handy bei Tom an?

Tom verzieht ein paar Mal das Gesicht, aber ansonsten kommt nur »Achso« und »Alles klar« über seine Lippen. Nicht genug Information, um herauszufiltern, um was es in dem Gespräch geht.

Das Telefonat dauert nicht lange, als er auflegt, frage ich direkt: »Was wollte sie denn?«

Er lacht und ich verstehe die Welt nicht mehr.

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11 Gedanken zu “8 – Erik & Isa | Blogroman

  1. Ella! Du wirst von Woche zu Woche echt fieser! :P
    Gibt es das Wort überhaupt? :O Naja. Wenn nicht, dann existiert es jetzt! ;)
    Ich mag deine Geschichte soooooooo sehr, ich bin echt total gespannt, wie es weitergeht.

    Liebste Grüße,
    Wiebi <3

    Gefällt 1 Person

  2. Huhu,
    mich würde mal interessieren, ob du zuerst die Sicht von Isa bzw. Eric geschrieben hast und dann die Abschnitte getrennt hast. Oder schreibst du die Geschichte so zweigeteilt?
    Liebe Grüße
    Diana von lese-welle.de

    Gefällt 1 Person

    1. Hey Diana,

      tatsächlich schreibe ich die Story parallel zweigeteilt. So kann ich zum einen den Schluss der Kapitel unmittelbar auf einander abstimmen und der Charakterwechsel ist für mich persönlich einfacher und spannender beim schreiben. :-)

      Mir hat mal jemand als Feedback gegeben, das sich meine Charaktere alle ziemlich ähnlich seien und der Unterschied nur schwer im Text wiedergegeben wird. Der Blogroman ist in diesem Sinne gleich eine wunderbare Übung für mich, diesen Fehler zu vermeiden. Ich hoffe also, das Isa und Erik auf ihre eigene Art wahrgenommen werden. ^^

      Alles Liebe
      Ella <3

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      1. Ich finde Isa und Erik gut gelungen. Mir gefallen beide und sie ähneln sich nur in ihren Gefühlen. ;)
        Bin schon auf die Fortsetzung gespannt.
        Und danke für den kleinen Einblick in deine Schreibwerkstatt. ;)
        Liebe Grüße :-*

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      2. Das freut mich zu hören und beruhigt mich ehrlich gesagt auch ein wenig. ^^ Schließlich ist das auch alles neu für mich. Ein Text der Öffentlichkeit preiszugeben ist nicht unbedingt einfach, vor allem, wenn er quasi frisch aus der Feder geschlüpft ist. ;-)

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