Die Liebe zum Schnee – #WritingFriday

»Wa-Was …«

Ich hatte ihn noch nie sprachlos erlebt. Seit wir uns kannten, kein einziges Mal. Er war immer derjenige, der mit Feuer im Herzen vorangeschritten war. Die Bedeutung des Wortes »zögern« kannte er nicht. Zumindest dachte ich das, bis zum heutigen Tag.

»Das ist Schnee«, sagte ich sanft.
Sein dunkles Haar fiel ihm ins Gesicht, als er die weiße Masse auf dem Fensterbrett näher betrachtete. Die schwarzen Augen neugierig, aber auch mit einem gewissen Respekt erfüllt. Es war schon komisch ihn so zu sehen.

»Schnee?« Er runzelte die Stirn, als überlege er, woher er dieses Wort kannte und was es bedeutete.

»Ja, mein Vater hatte davon im Unterricht erzählt. Gefrorenes Wasser, das vom Himmel fällt, erinnerst du dich?« Ich versuchte, ihm auf die Sprünge zu helfen, wusste ich doch, wie unangenehm es für ihn war, wenn er etwas nicht kannte. Vor allem dann, wenn es den Unterschied zwischen uns beiden hervorhob. Amaro, ein Kind der wilden Wälder unseres blauen Planeten und ich, Maite, aus Berlin. Tochter eines Sprachwissenschaftlers und einer Biologin, die beschlossen hatten, dass ihre 10-jährige Tochter ihr modernes Leben ab sofort bei den Yanomami-Indianern im tiefsten Regenwald mitten in Südamerika verbringen sollte. Das Ganze lag jetzt 15 Jahre zurück und seit 3 Monaten wohnte ich wieder in Berlin.

Der Schock war riesig und die Eingewöhnung ist mehr als schwer, selbst für mich, die hier immerhin 10 Jahre gelebt hat. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie Amaro sich gefühlt hatte, als er das erste Mal diese Stadt erblickt hatte. Aber er war schon immer ein starker Typ gewesen. Mutig und neugierig auf die Welt. Ich war so glücklich, so unendlich glücklich, als er sagte, dass er mich begleiten würde.

»Ich denke schon«, antwortete er und holte mich damit aus den Tiefen meiner Gedankenwelt, in die ich versunken war.

»Du kannst ihn anfassen. Der Schnee tut dir nichts«, neckte ich ihn und grinste breit.

Er warf mir mit seinen dunklen Augen nur einen bösen Blick zu, bevor er vorsichtig die Hand ausstreckte.

»Schnee besteht aus lauter kleinen Eiskristallen«, erklärte ich ihm, während er einen Finger in die weiße Watte steckte.

»Er ist kalt«, stellte er erstaunt fest und zog ihn rasch zurück.

Ich lachte. »Natürlich ist er kalt. Immerhin ist er gefroren.«

»Er sieht nicht kalt aus.« Er legte den Kopf schräg. »Und er funkelt.«

Ich stellte mich ganz dicht neben ihn, sodass sich unsere Schultern berührten während wir beide vor dem offenen Fenster standen.

»Es gibt verschiedene Arten von Schnee. Manchmal ist er bröselig, ein anderes Mal total matschig und ab und an«, ich griff beherzt mit beiden Händen zu und schob einen kleinen Haufen zusammen, »eignet er sich perfekt, um das hier zutun.«

Vor uns erhob sich ein kleiner Schneemann, zumindest, wenn man genug Fantasie aufbrachte.

Amaro schaute kritisch. »Was soll das sein?«

»Das ist ein Schneemann. So etwas bauen die Kinder hier, wenn der Schnee fällt.«

»Dient er dazu, die bösen Geister abzuschrecken?«

Ich seufzte ergeben. »Okay, er ist nicht besonders hübsch, aber wir bauen Schneemänner einfach nur aus Spaß. Sie sind ein Symbol für den Winter. Umso mehr Schnee fällt, desto mehr Schneemänner werden gebaut. Sie stehen dann überall und haben die unterschiedlichsten Formen.«

»Klingt lustig«, sagte er, dann schwiegen wir einen Moment und sahen den Flocken beim Tanzen zu. Ganz sachte schwebten sie zu Boden und bedeckten ihn unter einer weißen Schicht.

Schnee. Es war so unglaublich lange her, dass ich echten Schnee gesehen hatte.

»Ich glaube, ich mag Schnee«, sagte Amaro unvermittelt und lächelte.

»Ich auch«, antwortete ich und lehnte meinen Kopf gegen seine Schulter.

Zeilentrenner

Ich hoffe, euch hat meine kurze Geschichte von Amaro und Maite zum Thema „Erkläre einem Kind aus den Tropen, was Schnee ist“ gefallen. Auf die Idee bin ich durch die Bibliographie „Dschungelkind“ von Sabine Kuegler gekommen. Es ist schon eine Ewigkeit her, das ich dieses Buch gelesen habe, aber es hat mich damals wirklich beeindruckt.

Der #WritingFriday ist eine Aktion von Elizzy, readbooksandfallinlove. Schaut vorbei und macht mit. ❤

WEITERE TOLLE TEXTE FINDET IHR BEI:

Gabriela vom Buchperlenblog
Smarty von Lady Smartypants
Mozeilenherz

Signum


18 Gedanken zu “Die Liebe zum Schnee – #WritingFriday

  1. Liebste Ella, wieder hast du eine ganz bezaubernde Geschichte verfasst! <3 Ich habe Amaro und Maite gleich in mein Herz geschlossen und musste schallend lachen, als Amaro dachte, der unglücklich gestaltete Schneemann diene zum Abschrecken böser Geister :D Ich wünsche dir ein schönes Wochenende mit viel Schnee und wenig bösen Geistern! ;)
    Liebste Grüße,
    Ida

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  2. Aw, ist das eine schöne Geschichte. Jetzt ärgere ich mich fast, dass ich das Thema nicht doch schon diese Woche genommen habe, ich habe ewig hin und her überlegt und deine Geschichte war so schön, dass ich jetzt auch über den Schnee schreiben will :D
    Aber naja, dann eben nächste Woche,
    schönes Wochenende dir ♥

    Gefällt 1 Person

    1. Hey,

      ach, danke dir, das freut mich! :-) <3 Und genau das ist ja das tolle, dass wir nicht alle jeden Freitag über das Gleiche schreiben. Wäre doch auch irgendwie langweilig, oder? Von daher ganz viel Spaß und Freude beim Schreiben deiner Schnee-Geschichte für nächsten Freitag! :-)

      Liebe Grüße
      Ella <3

      Gefällt mir

    1. Hallo Gabriela,

      ja, genau so geht es mir auch. :-D Obwohl ich nicht immer die Zeit finde so viel davon zu lesen, wie ich gerne würde. Das ärgert mich immer etwas. Aber ich gebe mein Bestes zumindest auf meinen Lieblingsblogs regelmäßig vorbeizuschauen! :-)

      Liebe Grüße
      Ella <3

      Gefällt 1 Person

    1. Hey Daniela,

      ehrlich gesagt habe ich auch gegoogelt. :-D Wie gesagt, inspiriert hat mich das Buch von Sabine Kuegler dazu und passend zum Thema habe ich dann nach den Völkern in den Tropen gesucht. ^^ Es war also reiner Zufall, dass es die Yanomami-Indianer geworden sind, aber sie sind ein interessantes Volk.

      Liebe Grüße
      Ella <3

      Gefällt 1 Person

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